Ist Nitril-Kautschuk umweltfreundlich? 9 Antworten auf die häufigsten Fragen

Ist Nitril-Kautschuk umweltfreundlich? 9 Antworten auf die häufigsten Fragen

zuletzt aktualisiert am 18 Juni 2022

Nitril-Kautschuk ist eine der meist verwendeten synthetischen Kautschukarten, die nicht nur in der Industrie, sondern auch in Medizin sowie im privaten Bereich etwa als Einweg-Handschuhe Verwendung findet.

Doch gerade weil es so regelmäßig und weitläufig eingesetzt wird, stellt sich die Frage:

Wie umweltfreundlich ist Nitril-Kautschuk eigentlich?

Leider ist Nitrilkautschuk in aller Regel kein umweltfreundliches Produkt, weil es ein Erzeugnis der Erdölindustrie ist, dessen Herstellung große Mengen klimaschädlicher Emissionen sowie giftiger Nebenprodukte verursacht.

Auch am Ende seiner Nutzungsdauer trägt Nitrilkautschuk praktisch immer zur Umweltverschmutzung bei, weil kein geschlossener Materialkreislauf existiert.

Was du über Nitril-Kautschuk wissen musst, erfährst du jetzt.

1. Was genau ist Nitril eigentlich?

Im allgemeinen Sprachgebrauch wird mit dem Begriff Nitril normalerweise Nitrilkautschuk gemeint, welcher chemisch korrekt eigentlich Acrylnitril-Butadien-Kautschuk heißt.

Nitrilkautschuk ist ein sogenannter Synthesekautschuk und somit von Naturkautschuk zu unterscheiden, der natürlich im Latex mancher Pflanzen vorkommt (mehr zu Latex erfährst du hier).

Die Nitril-Polymere wie etwa der Kunststoff Nitrilkautschuk haben aufgrund ihrer gummiartigen Eigenschaften vielfältige Anwendungen, beispielsweise in und als:

  • Handschuhe (als vorteilhafte Alternative zu Latex- und Vinyl-Handschuhen)
  • Schläuche
  • Hydraulische Dichtungen
  • O-Ringe
  • Gummifäden

(Nur der Vollständigkeit halber: Chemisch gesehen gibt es nicht das Nitril, sondern Nitrile sind eine Gruppe chemischer Verbindungen, die alle die funktionelle Nitrilgruppe besitzen, welche aus Kohlenstoff und Stickstoff besteht.)

2. Wird Nitrilkautschuk umweltfreundlich hergestellt?

Nein, die Produktion von Nitrilkautschuk ist alles andere als umweltfreundlich.

Denn wie sein chemischer Name Acrylnitril-Butadien-Kautschuk schon nahelegt, wird der synthetische Kautschuk aus Acrylnitril sowie 1,3-Butadien hergestellt.

Acrylnitril selbst ist eine giftige, gesundheits- und umweltschädliche Flüssigkeit, die aus Ammoniak und Propen gewonnen wird.

Propen wiederum ist ein Produkt der Erdölindustrie, welches durch einen sehr komplizierten und energieintensiven Prozess namens „Steam-Cracken“ gewonnen wird.

Diese Steam-Cracker genannten Industrieanlagen sind nachweislich die größten Verursacher von klimaschädlichen Treibhausgasen in der gesamten Chemieindustrie.

1,3-Butadien ist genauso ein Produkt der Petrochemie und wird ebenfalls durch Cracken bei sehr hohen Temperaturen und starker Umweltbelastung hergestellt, weil der hohe Energiebedarf weltweit überwiegend durch fossile Energieträger gedeckt wird.

Zudem wirkt 1,3-Butadien nachweislich krebserregend beim Menschen und bei der Herstellung von Acrylnitril fällt die hochgiftige Blausäure als Nebenprodukt an.

Und natürlich ist nicht nur die Weiterverarbeitung von Erdöl und Erdgas zu Propen oder 1,3-Butadien sehr umweltschädlich, sondern wie wir alle wissen, richtet auch die Förderung von Rohöl und Erdgas an sich teils verheerende Umweltschäden an.

3. Ist Nitrilkautschuk umweltschädlich?

Nitrilkautschuk muss tatsächlich als ein eher umweltschädliches Produkt eingeordnet werden.

Als ein Produkt der Erdölindustrie werden schon angefangen bei der Förderung seiner Rohstoffe erhebliche Umweltschäden verursacht – nicht nur durch die Bohrinseln an sich, sondern durch die immer wieder auftretenden Öllecks und Öltanker-Havarien.

Zudem werden aufgrund der schwindenden Ölressourcen zunehmend andere Quellen wie etwa der kanadische Ölsand in Alberta genutzt, was unglaubliche Schäden an der Natur anrichtet.

Die Raffinierung des Erdöls zur Gewinnung der Vorprodukte für Nitrilkautschuk geht ebenso mit erheblichen Emissionen von Treibhausgasen und dem Anfall giftiger Nebenprodukte einher.

Zu guter Letzt gibt es bis heute praktisch keine Möglichkeit, vulkanisierte Kautschuks (wie Nitrilkautschuk) zu recyceln.

Das bedeutet, dass sie am Ende ihrer Nutzungsdauer (bei Handschuhen oft nach wenigen Stunden) erneut zur Umweltverschmutzung beitragen, weil sie entweder auf Mülldeponien (wo sie sich nicht zersetzen) oder in Müllverbrennungsanlagen landen (wo sie klimaschädliche Emissionen verursachen).

4. Ist Nitrilkautschuk nachhaltig?

Nein, Nitrilkautschuk kann nicht als nachhaltiges Produkt angesehen werden, und zwar gleich aus mehreren Gründen.

Erstens wird es als Produkt der Petrochemie aus nicht erneuerbaren Ausgangsstoffen hergestellt, was direkt dem Gedanken der Nachhaltigkeit widerspricht.

Die Chemieindustrie arbeitet zwar bereits an nachhaltigeren Lösungen – beispielsweise erforscht Michelin die Herstellung von 1,3-Butadien (einem Rohstoff von Nitrilkautschuk) aus Biomasse zu gewinnen.

Allerdings handelt es sich dabei um eine Prototyp-Fabrik – die weltweit überwiegende Menge wird nach wie vor und auf absehbare Zeit aus fossilen Quellen hergestellt.

Zweitens ist der Herstellungsprozess sowohl von Nitrilkautschuk und insbesondere seiner Ausgangsstoffe sehr umweltschädlich.

Denn vor allem der in der Chemieindustrie als Cracken bezeichnete Verarbeitungsprozess erfordert hohe Mengen an Energie, verursacht erhebliche Mengen and klimaschädlichen Emissionen und es werden teils sehr giftige Chemikalien verwendet oder fallen als Nebenprodukte an.

Drittens ist Nitrilkautschuk auch am Ende seiner Lebenszeit nicht nachhaltig, da es weder biologisch abbaubar ist, noch ein geschlossener Wertstoffkreislauf in Form von Recycling existiert.

5. Ist Nitrilkautschuk giftig?

Nein, das Endprodukt Nitrilkautschuk gilt weitgehend als ungiftig und gesundheitlich unbedenklich.

So untersuchte etwa eine Studie medizinische Handschuhe aus verschiedenen Materialien und stellte bei denen aus Nitrilkautschuk keinerlei Giftigkeit fest.

Denn obwohl Nitrilkautschuk zwar unter Verwendung vieler teils hochgiftiger Chemikalien und Zwischen- oder Nebenprodukten hergestellt wird, ist das Endprodukt chemisch äußerst stabil und ungefährlich.

Tatsächlich wird Nitrilkautschuk oft Naturkautschuk-Handschuhen aus Latex oder denen aus PVC vorgezogen.

Während Naturkautschuk-Handschuhe aus Latex zwar ebenfalls nicht direkt giftig sind, geht von den Proteinen im Latex eine Allergiegefahr aus.

Und aus Vinyl-Handschuhen (PVC) können nachweislich gefährliche Chemikalien (insbesondere Weichmacher) auf die Haut und fetthaltige Oberflächen übergehen.

6. Ist Nitrilkautschuk biologisch abbaubar?

Nein, Nitrilkautschuk kann von Mikroorganismen nicht zersetzt werden und ist deshalb nicht biologisch abbaubar.

Vor allem aufgrund seiner hohen Beständigkeit gegen extreme Temperaturen, Wasser, Fette, Säuren und Basen ist es in der Natur praktisch von nichts wirklich angreifbar.

7. Ist Nitrilkautschuk kompostierbar?

Nitrilkautschuk ist absolut nicht kompostierbar, da es nicht biologisch abbaubar ist und Kompostierung schlichtweg beschleunigter biologischer Abbau ist.

Es gibt zwar durchaus Anbieter, die ihre Nitrilkautschuk Produkte – oftmals Einweg-Handschuhe – als kompostierbar bewerben.

Wir konnten allerdings dazu keine offiziellen Studien oder Nachweise von anerkannten Laboren oder Prüfstellen finden.

Insofern ist bei Nitrilkautschuk ebenso wie bei anderen vulkanisierten Kautschuks von einer nur schweren bis gar nicht vorhandenen Kompostierfähigkeit auszugehen.

Mehr zur Abbaubarkeit von Naturkautschuk erfährst du hier.

8. Ist Nitrilkautschuk recycelbar?

Nein, Nitrilkautschuk ist generell nicht recycelbar, da es sich um einen vulkanisierten synthetischen Kautschuk handelt.

Zwar wird oft behauptet, vulkanisierte Kautschuks wie Reifen oder eben auch Gummihandschuhe wären recycelbar.

Doch in der Regel handelt es sich dabei eben nicht im wirkliches Recycling, sondern um Downcycling, bei dem der Kautschuk geschreddert und dann für minderwertige Produkte wie Bodenbeläge genutzt wird.

Bei der Vulkanisierung verliert das Material nämlich die Möglichkeit, bei hohen Temperaturen verformt oder wieder eingeschmolzen zu werden.

Das unterscheidet Nitrilkautschuk ganz wesentlich von thermoplastischen Kunststoffen wie etwa Polyethylen oder Polypropylen, welche zumindest theoretisch beliebig oft recycelt werden können.

Nitrilkautschuk wie gebrauchte Handschuhe können deshalb nicht über die gelbe Tonne, sondern müssen über den Restmüll entsorgt werden.

Das einzige „Recycling“, was in manchen Ländern – wie teilweise auch in Deutschland – mit Nitrilkautschuk stattfindet, ist die energetische Verwertung – es wird also verbrannt, um zumindest Energie daraus zu gewinnen.

In vielen anderen Ländern, wie etwa den USA, tragen Produkte aus Nitrilkautschuk erheblich zu den Mengen auf Mülldeponien bei.

9. Ist Nitrilkautschuk Latex?

Nein, denn streng genommen ist Nitrilkautschuk zunächst einmal ein Synthesekautschuk, während Latex der Milchsaft von Pflanzen ist.

Als Latex ist jedoch umgangssprachlich oft der aus dem Pflanzensaft gewonnene Naturkautschuk gemeint, oder teilweise sogar der daraus vulkanisierte Gummi.

Nitrilkautschuk hat zwar praktisch identische mechanische und chemische Eigenschaften wie Naturkautschuk aus Latex (und teilweise noch bessere).

Allerdings besteht Naturkautschuk aus dem pflanzlichen Rohstoff Latex, wohingegen Nitrilkautschuk ein Produkt der Erdölindustrie ist.

Tatsächlich werden vor allem Nitril-Handschuhe oft als Alternative zu Latex-basierten Handschuhen verwendet, da sie nicht die Gefahr einer Latex-Allergie bergen.

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