Ist Gips nachhaltig? Alle Vor- & Nachteile (+Alternativen)

Tobias Durant

Gips wird vor allem im Innenbau verwendet und eignet sich als kostengünstiges, stabiles Material für Trockenwände.

Aber auch Putz, Estrich und klassische Gipsverbände lassen sich daraus produzieren.

Hersteller betonen gerne die Umweltfreundlichkeit und Nachhaltigkeit von Gips.

Als reines Naturprodukt beinhaltet er keine Schadstoffe, ist mit niedrigem CO2-Ausstoß verbunden und kann noch dazu unbegrenzt recycelt werden.

Dennoch schlagen Umweltschützer Alarm und warnen vor den schädlichen Folgen des Gips-Abbaus.

Künstlicher REA-Gips stellt eine Alternative dar – jedoch nur, solange unsere Kohlekraftwerke am Netz bleiben.

In diesem Artikel beleuchten wir die Stärken und Schwächen von Gips aus ökologischer Sicht.

Außerdem zeigen wir, wie weit das Gips-Recycling in Deutschland ist und stellen alternative Materialien vor.

Was genau ist Gips eigentlich?

Gips ist ein Mineral, das eng mit Kalk verwandt ist und diesem sogar auf der atomaren Ebene ähnelt.

Einen Unterschied gibt es jedoch:

Während Kalk-Moleküle sich aus Calcium, Kohlenstoff und Sauerstoff (CaCO3) zusammensetzen, besitzt Gips Schwefel anstelle des Kohlenstoffs. Man spricht daher auch von „schwefelsaurem Kalk“.

Dazu kommen bei natürlichem Gips meist noch Wassermoleküle, die in kristalliner Form eingeschlossen sind.

Wie Kalkstein entstand Gips durch Ablagerungen. Als vor etwa 200 Millionen der Meeresspiegel abnahm, sorgten Salze dafür, dass sich Kristalle bildeten. Mit der Zeit wurden daraus feste Schichten aus Gipsstein.

Daneben lässt sich Gips auch künstlich in Kohlekraftwerken herstellen. Das Produkt nennt sich REA-Gips und ist chemisch mit Naturgips identisch.

Welche Vorteile hat Gips gegenüber anderen Materialien?

Ein großer Vorteil von Gips ist seine Vielseitigkeit. In gemahlenem Zustand kann das Mineral gebrannt werden, und je nach Brenntemperatur kommen andere Eigenschaften zum Tragen.

Bei 150° C gebrannter Gips ist beispielsweise sehr hart, während höhere Temperaturen eher weiche Gips-Sorten hervorbringen.

Doch das ist nicht der einzige Vorteil:

  • Gips ist dank des eingeschlossenen Wassers nicht brennbar und wirkt sogar feuerhemmend.
  • Durch die geringe Wärmeleitfähigkeit speichert Gips die Wärme gut. So lassen sich in Gebäuden Heizkosten sparen.
  • Gips besitzt eine poröse Oberfläche, die Feuchtigkeit aufnimmt und somit das Raumklima regulieren kann.
  • Mit Gips-Putz lassen sich glatte Oberflächen erzeugen, die noch dazu schnell austrocknen.

    Anschließend können Gipswände ganz einfach tapeziert oder angemalt werden, ohne dass eine zusätzliche Schicht nötig ist.

Welche Nachteile hat Gips gegenüber anderen Stoffen?

Gips ist bis zu einem gewissen Grad wasserlöslich.

Darum kann er ohne schützende Imprägnierung nur in Innenräumen verwendet werden. Starkregen greift das Material an.

Ein Problem stellen außerdem Räume mit hoher Luftfeuchtigkeit dar: etwa Badezimmer oder Keller.

Hier können sich Verfärbung bilden, wenn der Gips das Wasser in der Luft aufsaugt.

Anders als Kalk kann Gipsputz keine Schadstoffe aus der Luft aufnehmen.

Auch wirkt er nicht fungizid, sodass sich bei unzureichender Luftzufuhr Schimmel bilden kann.

Wofür wird Gips verwendet?

Bereits in der Frühgeschichte wurde Gips als Mörtel verwendet.

Und auch heute noch stellt die Baubranche das größte Einsatzgebiet dar. Das zeigen beispielhaft folgende Produkte:

  • Wandbauplatten
  • Estriche
  • Putze
  • Spachtelmasse.

Ferner lässt sich Gips einsetzen, um Farben zu strecken und Skulpturen herzustellen.

Und auch in der Medizin wird Gips verwendet: Am bekanntesten sind Gipsverbände, die bei Knochenbrüchen zum Einsatz kommen.

Außerdem erstellen Zahnärzte Abdrücke aus Gips.

Ist Gips umweltfreundlich?

Egal ob es sich um Natur- oder REA-Gips handelt – das Material besteht in seiner Reinform aus natürlichen Bestandteilen.

Diese geben keine schädlichen Stoffe an die Umwelt ab und sind auch für den Menschen absolut unbedenklich.

Das gilt sowohl für den Rohgips als auch das gebrannte Produkt.

Auf Schadstoffe, die bei der Entsorgung von Gips entstehen oder als Schutzmittel hinzugefügt werden, gehen wir weiter unten ein.

Wird Gips nachhaltig hergestellt?

Um diese Frage zu beantworten, müssen wir uns die beiden unterschiedlichen Arten von Gips ansehen:

Naturgips

Naturgips ist ein Mineral, das auf natürliche Weise durch Ablagerungen entstanden ist und daher nicht extra hergestellt werden muss.

Da sich diese Ablagerungen meistens an der Oberfläche oder in geringer Tiefe befinden, ist der Abbau unkompliziert und weniger energieintensiv als bei tiefer liegenden Mineralien.

Dennoch: Um Gips zu gewinnen, müssen Landschaften grundlegend umgestaltet werden.

Wie dies zu bewerten ist, kommt ganz auf den Akteur an. So beteuert die Gipsindustrie, dass alle Gruben nach der Stilllegung in Biotope umgewandelt werden.

Naturschützer kritisieren dagegen die Zerstörung ursprünglicher Landschaften durch den Gipsabbau – besonders, da so die Artenvielfalt schwindet.

Einmal abgebaute Vorkommen wie etwa im Südharz lassen sich nicht mehr herstellen, selbst wenn sie danach renaturiert werden.

REA-Gips

REA-Gips entsteht nicht auf natürliche Weise, sondern stellt ein Nebenprodukt von Kohlekraftwerken dar. Die Herstellung funktioniert folgendermaßen:

Seit 1988 müssen alle Kohlekraftwerke in Deutschland über sog. Rauchgasentschwefelungsanlagen (REA) verfügen.

Diese sorgen dafür, dass das Schwefeldioxid mit Kohlenstoff und Sauerstoff reagiert und zu reinem Gips wird.

Der Vorteil liegt auf der Hand: Durch die Anlagen entsteht aus Abfallstoffen, die unweigerlich anfallen, ein hochwertiger Bauträger.

REA-Gips macht aktuell etwa die Hälfte der in Deutschland verwendeten Gipsmenge aus. Und auch qualitativ ist das Produkt nicht von Naturgips zu unterscheiden.

Es gibt jedoch ein Problem: Bis zum Jahr 2038 sollen in Deutschland alle Kohlekraftwerke nach und nach stillgelegt werden.

Das bedeutet, dass spätestens zu diesem Zeitpunkt auch kein REA-Gips mehr produziert werden kann.

Der Bedarf muss also entweder durch Naturgips gestillt werden – was aufgrund der oben beschriebenen Umweltzerstörung problematisch ist – oder durch recycelten Gips ersetzt werden.

Gibt es unterschiedlich nachhaltige Arten von Gips?

Viele Kunden möchten die Zerstörung natürlicher Gipsvorkommen nicht unterstützen und darum auf REA-Gips oder recycelten Gips zurückgreifen.

Leider existieren dafür keine Gütesiegel. Das heißt, auf den ersten Blick kannst du nicht erkennen, um welche Art Gips es sich handelt.

Als Verbraucher solltest du also den Verkäufer kontaktieren – beispielsweise, wenn du Gipsplatten kaufst.

Dieser kann dir anhand des Beipackzettels verraten, ob Naturgips, REA-Gips oder eine Mischung von beiden verwendet wird.

Der CO2-Ausstoß von Gips

Für die Nachhaltigkeit spielt es natürlich auch eine Rolle, wie viel CO2 und andere Treibhausgase bei der Herstellung in die Atmosphäre gelangen.

Sehen wir uns dafür zuerst das Rohmaterial an:

Wie bereits erwähnt, ist die Förderung von Gips dank der Nähe zur Oberfläche mit wenig Aufwand verbunden.

Dementsprechend halten sich die CO2-Emissionen mit etwa 10 kg/t in Grenzen.

Relevant ist jedoch auch der Brennprozess, bei dem der Gips auf die nötige Temperatur gebracht wird.

Je höher die Temperatur, desto mehr Energie muss aufgewendet werden. Das macht Stuckgips energieneutraler als Anhydrit II, der bei 300–900° C gebrannt wird.

Natürlich entstehen mit mehr aufgewendeter Energie auch mehr CO2-Emissionen.

Darum ist beispielsweise der Ausstoß bei heiß gebranntem a-Gips mit 215 kg CO2-Äq./t besonders hoch.

Betrachtet man allerdings Materialien wie Beton (700 kg CO2-Äq./t) oder Stahl (1.700 kg CO2-Äq./t), fallen die Emissionen von Gips vergleichsweise niedrig aus.

Zu guter Letzt ist der vom Hersteller verwendete Energieträger entscheidend:

Erdgas weist beispielsweise eine bessere CO2-Bilanz auf als Kohle. Noch nachhaltiger wäre Biogas oder Biomasse.

Allerdings hast du als Verbraucher kaum eine Möglichkeit, den Energieträger in Erfahrung zu bringen – es sei denn, du kannst zurückverfolgen, von welchem Werk der Gips für dein Produkt stammt.

Kann Gips recycelt werden?

Gips ist ein Material, das sich sehr einfach recyceln lässt.

So ist es möglich, gebrannten Gips thermisch aufzubereiten, sodass er wieder mit Wasser reagieren kann.

Anschließend können daraus neue Produkte erzeugt werden, ohne dass ein Qualitätsverlust entsteht.

Ein Problem gibt es jedoch: Das Recycling lohnt sich nur bei reinen Gipsabfällen, die nicht mit anderen Stoffen vermengt sind.

Etwa 1/3 des Rohstoffs wird in Deutschland zu Gipskartonplatten, Gipsfaserplatten und Gipswandbauplatten verarbeitet.

Diese enthalten je nach Einsatzbereich weitere Bestandteile, die sich nur schwer ausscheiden lassen.

Das ist besonders bei Gipsfaserplatten der Fall, die mit Kunststoff, Glasfaser oder Zellulose versetzt sind.

Ein einheitliches Sammelsystem fehlt bisher. Außerdem ist die Entsorgung von Gips meist günstiger als das Recycling.

Aus diesen Gründen landet der Großteil aller Gipsabfälle immer noch auf Deponien, und die Recyclingquote ist verschwindend gering.

Halten wir uns vor Augen, dass REA-Gips in Zukunft durch das Abschalten von Kohlekraftwerken knapp wird, stellt das ein Problem dar.

Umweltschützer drängen daher darauf, das Gips-Recycling in Deutschland voranzutreiben, um natürliche Vorkommen zu schützen.

Ist Gips biologisch abbaubar?

Gips ist nicht biologisch abbaubar. Er darf daher nur auf Deponien der Klasse 1 entsorgt werden, die für mineralische Abfälle vorgesehen sind.

Mit der erwarteten Zunahme von Gipsabfällen könnte das zu einer Platzknappheit auf den Deponien führen. Und es gibt noch mehr Probleme:

Wenn sich Gipskartonplatten auf der Deponie zersetzen, wird das giftige Gas Schwefelwasserstoff freigesetzt.

Zwar hält sich die Gefährdung von Menschen dank der geringen Konzentration in Grenzen.

Allerdings entstehen beim Verrotten auch Bakterien, die Methan produzieren – ein Gas, das 25 Mal klimaschädlicher ist als CO2.

Zusätzlich können durch die Deponierung von Gips Sulfate und Schwermetalle in das Grundwasser gelangen.

Die Deponien müssen also abgedichtet sein, um eine Kontamination des Wassers zu vermeiden.

Kann Gips kompostiert werden?

Aufgrund der bereits beschriebenen Umweltschäden sollte klar sein, dass Gips nichts auf dem Komposthaufen verloren hat.

Im günstigsten Fall entsteht nur ein fauliger Geruch. Doch eine Gefährdung der Gesundheit durch Schwefelwasserstoff kann nicht ausgeschlossen werden.

Wenn du haushaltsübliche Mengen an Gipsabfällen hast, solltest du diese auf dem Wertstoffhof abgeben.

Die Entsorgung im Hausmüll ist dagegen nur für Kleinstmengen zulässig.

Sind alle Gipsprodukte nachhaltig?

Wie wir gesehen haben, ist Gips ein relativ umweltverträgliches Material.

Trotzdem gibt es Unterschiede zwischen den einzelnen Gips-Produkten – je nachdem, welche Zusatzstoffe diese enthalten.

Beispielsweise werden imprägnierte Gipskarton-Bauplatten mit Kunstharz behandelt, um sie vor Wasser zu schützen.

Dabei handelt es sich um Erzeugnisse der Erdöl-Industrie, die noch dazu mit schädlichen Chemikalien angereichert sind.

Manchmal kommen auch Schutzanstriche aus PAK zum Einsatz. Diese Stoffe sind potenziell krebserregend und schädigen die Umwelt, da sie sich nur langsam abbauen.

Noch problematischer ist die Behandlung von Gipsplatten mit PCB. Zwar ist dieses Umweltgift mittlerweile verboten.

Wer jedoch PCB-haltige Platten besitzt, muss bei der Entsorgung Vorsicht walten lassen, damit der Giftstoff nicht in den Boden oder das Wasser gelangt.

Gründe, warum Gips (k)ein nachhaltiges Material ist

Für die Nachhaltigkeit von des Rohstoffs Gips sprechen folgende Gründe:

  • Naturgips lässt sich mit wenig Energieaufwand und CO2-Emissionen fördern.
  • Das Naturmaterial enthält keine Schadstoffe.
  • REA-Gips entsteht aus Abfallprodukten, die somit einem neuen Zweck zugeführt werden.
  • Gips lässt sich einfach recyceln, wenn er in Reinform vorliegt.

Gegen die Nachhaltigkeit von Gips spricht:

  • Beim Abbau von Gips werden natürlich gewachsene Landschaften zerstört.
  • REA-Gips ist als Alternative nur noch bis zum Ende des Kohleausstiegs verfügbar.
  • Durch die Deponierung von gipshaltigen Abfällen können Umweltschäden entstehen.
  • Das Gips-Recycling ist mit Schwierigkeiten verbunden, wenn es sich um Mischabfälle handelt. Die Recyclingquote ist aktuell noch sehr niedrig.

Was sind nachhaltige Alternativen zu Gips?

Wie bereits erwähnt, ist Gips vor allem im Innenbau ein weit verbreitetes Material.

Es stehen jedoch bereits Alternativen bereit, die mit ähnlich positiven Eigenschaften und einer besseren Umweltbilanz punkten:

Strohbauplatten

Diese Platten bestehen aus verdichtetem Stroh – also einem Abfallprodukt der Landwirtschaft, das unbegrenzt nachwächst.

Sie besitzen wärme- und schalldämmende Eigenschaften, kommen ohne schädliche Bindemittel aus und sind noch stabiler als Gipsplatten.

Vor Keimen und Schädlingen müssen Bauherren übrigens keine Angst haben, da das Stroh durch hohe Temperaturen denaturiert wird.

Zusätzlich minimiert das Verdichten die Brandgefahr.

Lehmbauplatten

Lehm besteht aus den Naturmaterialien Sand, Ton und Schluff, die in ausreichendem Maße verfügbar sind.

Bei der Schall- und Wärmedämmung sowie der Feuchtigkeitsregulierung weisen Lehmbauplatten gute Werte auf.

Außerdem müssen keine chemischen Bindemittel verwendet werden.

Noch sind diese Platten wesentlich teurer als ihre Pendants aus Gips.

Das könnte sich jedoch mit einer Verknappung des Rohstoffs Gips in Zukunft ändern.

Holzfaser-Verbände

Auch im medizinischen Bereich lässt sich Gips ersetzen – und zwar durch Verbände aus Holzfasern.

Über die positive Nachhaltigkeits-Bilanz von Holz haben wir bereits in diesem Artikel geschrieben.

Das Material ist leicht, unschädlich für die Gesundheit und biologisch abbaubar. 

Außerdem erhöht die luftdurchlässige Oberfläche von Holz-Verbänden den Tragekomfort.

Fazit

Ist Gips nachhaltig? Diese Frage lässt sich leider nicht so einfach beantworten.

Auf der einen Seite punktet das Material mit geringem Energieverbrauch und CO2-Ausstoß bei der Herstellung.

Ein Problem stellt jedoch die Verfügbarkeit dar: In Deutschland gibt es genügend natürliche Gipsvorkommen. Doch um diese abzubauen, müssen ursprüngliche Landschaften zerstört werden.

REA-Gips wird spätestens im Jahr 2038 keine Alternative mehr darstellen. Darum kommt dem Gips-Recycling eine immer stärkere Bedeutung zu.

Ob sich dadurch der wachsende Bedarf decken lässt, bleibt abzusehen.

Jedoch könnten finanzielle Anreize, höhere Abgaben für das Deponieren von Gips und neuartige Techniken zur Bauschutt-Trennung das Recycling ankurbeln.

Und schließlich ist Gips nicht alternativlos.

Bauherren, die gewillt sind, etwas tiefer in den Geldbeutel zu greifen, bekommen mit Stroh- und Lehmbauplatten wesentlich nachhaltigere Materialien.

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